Jedem (s)eine eigene Meinung, aber…

Nach dem digitalen Release von „jedem (s)eins“ am 11.11.2013 blieb der Hype, wie erwartet, aus. Nichtsdestotrotz oder gerade eben aus diesem Grund veröffentlichen wir von AiN Records eine hauseigene Rezension – hart aber fair!

Dalim - auf der Suche nach (W)AiN!

Im Sommer 2013 machte sich Dalim mit Rebecca Schütz auf, um Beweisfotos von der Suche nach (W)AiN zu schießen!

Wer eine Mail an info@ainrecords.de schreibt und das Album kostenlos anfordert, bekommt es in einer gepolsterten Tasche von der Deutschen Post geliefert – meist innerhalb von 1-3 Tagen. So weit so gut!

Das Cover dürfte unseren Lesern schon seit einer Weile bekannt sein. Allerdings fällt beim zweiten Blick auf, dass „Fast Art“ und „Aleks Munti“ den Entwurf von Pawel Konopinsky a.k.a. ThaFace Inhere nicht exakt eins zu eins übernommen haben. Es entstand ein 8-seitiges Booklet mit Bildern von Dalim aus dem Shooting mit Rebecca Schütz, Zitaten, Credits & Danksagungen. Inhaltlich wurde hier das Rad zwar nicht neu erfunden, doch es ist sehr persönlich gehalten und gestalterisch sehr ansprechend.

13 Songs, die (d)ein Leben verändern können

Nimmt man die CD aus der Fassung, wird man dann schon mal gewarnt. Ganz anders als im freundlich gehaltenen Booklet, greift Dalim mit einer Grimasse des Grauens nach dem potentiellen Zuhörer – und auf seinem Shirt steht: „PLAY HARD!“

Zart beseidete Gemüter springen an dieser Stelle vielleicht schon ab und legen das gute Stück erst gar nicht ein. Wer es allerdings wagt, beginnt eine einzigartige Reise, die entsprechende Spuren hinterlassen wird.

Mit Piano, Gitarre, Rim und abnormalem Sub-Bass auf der Basedrum beginnt das Album ganz gemächlich. Hier werden im Grunde direkt die Weichen gestellt, denn man wird dazu gezwungen, aufmerksam hin zuhören. Wer sich darauf einlässt, wird in den Bann gezogen und staunt über die Tiefe eines so einfach gestrickten Songs. Ich musste an den Sack des Weihnachtsmanns denken.
😉

Dalim flowt präzise, balanciert die Stimme gut aus und lockt mit einer Lyrik, die man schlicht erlebt haben muss.

Dalim – Raus hier!

Wenn du nicht weißt, was dich erwartet, warte auf mich!
Und sprich mir nach: „Es ist hart , doch ich beklage mich nicht.“

 

Dalim wurde von (W)AiN an die Wand gestellt!

Dalim wurde von (W)AiN an die Wand gestellt – und überlebte nur mit Glück!

Im Grunde stellt Dalim zuerst den Hörer und danach sich selbst grundlegend in Frage. Doch dieser Seelenstrip verursacht, zumindest bei mir, keine unangenehme Nähe. Mit den Scratches von DJ Release wird man dann aus dieser Tiefe wieder geborgen und zum nächsten Song geleitet.

Die Brücke zu „Please“ schlägt der Sub-Bass. Auf dieser durchaus tanzbaren Nummer rückt einem Seyda Apaydin mit Ihrem Gesang ähnlich dicht auf die Pelle wie Dalim. Dass sie dabei aber nicht so dominant daher kommt wie unser Lieblings-Mischlingskind, ist durchaus angenehm. Dalim verwendet in den Parts unterschiedliche Stimmen und liefert dadurch die nötige Abwechslung, denn auch dieser Song ist inhaltlich eher ernst gehalten.

Wer an dieser Stelle fragt, ob dieser Typ zum Lachen einen Bunker braucht, bekommt beim dritten Song eine Antwort, die sich gewaschen hat.

Dalim – EGO

Das Bild von dir selbst steht und fällt mit deinem Ego,
denn jedem (s)eins heißt, jeder ist ein Nemo!“

Dalim sagt: „Schau mich an!“

Ich glaube, an der Stelle bedarf es schon eines intensiven Interesses an der Figur, die zu uns spricht. Zumindest, wenn man wirklich verstehen möchte, was sie uns mitteilen will. Auf ziemlich abstrakte Art hinterfragt Dalim unser Selbstbild und auch hier betrachtet er sich selbst im zweiten Part wieder sehr kritisch. Doch dieser Track macht einfach Spaß und ist einer meiner absoluten Favoriten auf dem Album.

In den darauf folgenden Songs wird es dann aber immer ernster und dem geneigten Zuhörer öffnet sich eine Welt aus purer Leidenschaft. Und ich rede hier nicht von Herz-Schmerz-Gedudel, sondern von blanken Emotionen! Auf „Nichts ohne Euch“ zeigt Dalim, wie wichtig Freunde, Feinde und nicht zuletzt auch wir Zuhörer für Ihn sind. Auf „allein“ lässt er seiner Wut und seinem Frust über falsche Freunde und gescheitere Projekte freien Lauf. Und in „Im besten Fall“ kämpft er gegen die Resignation, die aus den Gefühlen der vorherigen Songs durchaus nachvollziehbar resultieren kann.

Wer bis hier her gekommen ist, hat wahrscheinlich schon beschlossen, „jedem (s)eins“ eine echte Chance zu geben. Aber trotz meiner Loyalität gegenüber Dalim und AiN Records muss ich an dieser Stelle auf den größten Schwachpunkt des Albums hinweisen. Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen, wie man es sonst nur mit guten Freunden macht. Wenn man diese Bereitschaft nicht mit bringt, wird es einfach richtig anstrengend.

Dieses zweischneidige Schwert spitzt sich genau in der Mitte zu und zwar in Form von „Schau mich an“. Der vielleicht beste Song des Albums hat zwei völlig verschiedene Parts, die beide richtig rein hauen. Die Hook dagegen ist eher weich gespült, doch genau in diesem Kontrast liegt das Statement. Wenn man sich darauf einlassen kann, überrollt einen dieser Song. Wenn man aber keine Lust auf diese intensive Kommunikation hat, schaltet man eventuell genau hier ab bzw. aus.

Dalim weiß nun endlich, wer dieser (W)AiN ist!

Nach 5 Jahren intensiver Suche weiß Dalim nun endlich, wer dieser (W)AiN ist!

Eine Mischung aus Batman, Joker & TwoFace

Azad sagte einmal, dass die Königsdisziplin im Rap in der Verknüpfung von Technik, Style und einmaligem Inhalt bestehe. In dieser Hinsicht könnte er auch für Google arbeiten. Wenn das die gesamte Szene so sehen würde, wäre unser Zugpferd wohl schon ein gemachter Star.

Wenn man sich aber die Veröffentlichungen in der hiesigen Rap-Landschaft zu Gemüte führt, merkt man schnell, wo der Hund begraben liegt. Rap ist in erster Instanz zu einem oberflächlichen Entertainment geworden. Es geht überwiegend um Zerstreuung, nur selten um Inhalte. Zwar schaffen es, neben Bushido, Eko, Kollegah und all den zweifelhaften Gestalten, immer mal wieder respektable Artists in das so genannte Game, aber der Begriff sagt dann ja schon alles. Es ist ein Spiel. Alligatoah muss schon in wahnhafte Satirik abdriften, um gesellschaftsfähig zu sein. „jedem (s)eins“ ist dafür einfach viel zu ernst, viel zu gehaltvoll.

Das kurze Intermezzo in „Schau mich an“ aus dem Film „The Dark Knight“ traf es da genau auf den Punkt. Außerordentliche Persönlichkeiten werden behandelt wie Freaks. Wenn wir sie brauchen, nehmen wir Ihre Hilfe gerne in Anspruch, aber danach verstoßen wir sie wieder.

All das reflektiert Dalim auch in Songs wie „Frag mich nicht“ und „(W)AiN kümmert’s“. In letzterem spittet er mit ziemlich abgefahrenen und stetig wechselnden Styles. Man könnte Ihn als eine Mischung aus Batman, dem Joker und TwoFace bezeichnen. Oder in Deutsch-Rap-Begrifflichkeiten: Der Biss von Eminem und Savas, die Stimme von Azad (u.v.m.), die Inhalte von Curse, die Technik von Tech N9ne und die Gelassenheit von Samy!

Zum Schluss führt Dalim uns mit Songs wie „Leinen los“ und „Mir egal“ aber wieder aus dieser Tiefe heraus zu alltäglicheren Bildern. Mit „Es ist Zeit “ verabschiedet er sich mit einem mitreißenden Trennungs-Song und wirft dann die Tür ins Schloss – Klappe zu, Affe tot!

Fazit:

Das Album kann alles und nichts. Es kann den Hörer bereichern, wie noch kein mir bekanntes Release es zuvor vermochte. Es kann einen aber auch nerven und belasten. Macht Euch einfach Euer eigenes Bild.

Dalim ist definitiv ein Top-MC. Was aber nun aus Ihm werden soll, steht noch in den Sternen. Im Vorfeld des Releases von „jedem (s)eins“ erschien bereits der Song „Ich weiß, wer er ist“ und so liegt die Vermutung nahe, dass Dalim mit der Suche nach (W)AiN abgeschlossen haben könnte. Ich hoffe, dass er uns demnächst wieder Rede und Antwort stehen und uns dann von seinen Plänen berichten wird.

Who’s (W)AiN?! – Ich weiß, wer er ist

Die Artists, Komponisten & Helfer haben definitiv ein abgefahrenes Werk geschaffen. Ich hoffe, es gefällt Euch ebenso wie mir.

P.S.: Wer die Platte selbst erst einmal checken will, bevor er die CD ordert, kann sich das Digi-Pack von „jedem (s)eins“ kostenlos herunter laden.

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